„Mein künstlerischer Schwerpunkt liegt auf Grafitzeichnungen - Reduktion auf den Strich als Mittel, Modulation durch Überlagerung der Linien, spontane Entwicklung während des Entstehens, raumgreifende Gestik.“

Thomas Autering

geboren 1970 in Lüdinghausen

Dipl. Designer FH Münster, Fachrichtung Objekt-Design

lebt seit 2007 in Dortmund

 

Atelier: Markgrafenstraße 141, 44139 Dortmund

thomas@autering.com

 

 Mitglied Westfälischer Künstlerbund Dortmund www.wkd-kunst.de und Mitbegründer Produzentengalerie blam! www.blamgalerie.de

 



Die Kraft der Linie. Text Arthur Bach, Zeitschrift “Junge Kunst”, Heft Nr. 74

DAS ZEICHNERISCHE WERK VON THOMAS AUTERING

"Die Zeichnung verzeiht nicht, wenn man etwas zu viel getan hat." So beschreibt Thomas Autering die Bedingungs-losigkeit des zeichnerischen Mediums. Schnelligkeit und Konzentration kennzeichnen seine Arbeitsweise. Wie eine flüchtige Skizze beginnt er seine Zeichnungen, verdichtet sie durch schnelle Bewegungen zu tiefschwarzen Flächen, die sich gegen das Weiß des Papiers abheben. Die Linienführung ist spontan und unruhig. Viele Linien und Striche überlagern sich, nie entsteht eine homogene Fläche; immer bleibt das fiebrige Spiel der Bewegung, die den Moment des Zeichnens festzuhalten scheint. Ohne jedwede Korrekturmöglichkeit sind diese Zeichnungen Ergebnis eines einzigen kraftvollen Arbeitsganges. Sowohl abstrakte,geometrische als auch menschliche oder tierische Formen sind zu erkennen, ohne wirklich gegenständlich zu sein. Autering balanciert zwischen Abstraktion und Form oder wie er selbst formuliert: "Es reichen zwei Linien, um einen Stock zu zeigen. Der Betrachter denkt zu Ende."

 

DIE ZEICHNUNG IST AUTARK

Auterings Zeichnungen haftetdas Fragmentarische, das Unvollendete an. Ein Reiz, dessen er sich wohl bewusst ist und weshalb er sich für das Medium der Zeichnung entschieden hat. "Ich benötige keine Farbe, keine Malerei, keine Skulptur. Die Zeichnung ist autark." Sie lässt ihm alle Möglichkeiten des Ausdrucks. Die reine Verwendung des Graphitstiftes bietet ihm hierfür einen großen Spielraum, den ervariationsreich auszuschöpfen sucht. Das Ausloten von Eindimensionalität der Linie einerseits und das Erzeugen von Räumlichkeit durch die schwarze Graphitfläche andererseits sind ihm besonders wichtig: "Durch den Hell-Dunkel-Kontrast kann ich modellieren. Die Linie als solche hat keine Dimension, aber durch die Überlagerung der Linien erlangt die Zeichnung Räumlichkeit." Mit dem öligen, weichen Graphitstift werden Linienübereinander gelagert und schaffen in ihrer Dichte, mal mehr, mal weniger Volumen. Durch das schnelle Auftragen des Graphits entstehen Schraffuren, diedas Schwarz lebendig erscheinen lassen. Durch den ständigen Wechsel der Linien,glänzt je nach Lichteinfall die Graphitoberfläche und gewinnt Tiefe und Plastizität."Das Schwarz meiner Zeichnungen ist keine reine Fläche; sie ist nichthomogen, sondern beinhaltet Unruhe in der Tiefe. Darin ist Leben enthalten", umschreibt Autering diese bewusst hervorgerufene Wirkung.

 

DYNAMISCHE KOMPOSITIONEN

Die Zeichnungen sind fein und doch durch die ölige Beschaffenheit des Graphits kraftvoll und satt, der sich glänzend vom stumpfen, flächigen Weiß des Papiers abhebt. Autering setzt diesen Kontrast in ein spannungsvolles Verhältnis innerhalb der Blattgröße. Damit das Schwarz wirken kann, wird ihm eine entsprechende Menge Weißraum entgegengestellt, in den es hineinragen kann. Auf zumeist großformatigen Blättern setzt Autering seine Liniengebilde in dynamische Kompositionen und bezieht den Rand oftmals mit ein, ohne dadurch zu begrenzen, sondern vielmehr die Zeichnung über den Bildrand hinaus zuimaginieren. Ohne Begrenzung und Konkretisierungsversuche. Mit dem Begriff Freiraum könnte vielleicht auch am ehesten Auterings zeichnerisches Werk charakterisiert werden, dass jede Einengung vermeiden will und stattdessen das Nötigste verdichtet. Weder Titel noch naheliegende Assoziationen sollen wach gerufen werden, sondern die Linie in ihrer Vielfalt zum reinen Ausdruck werden.

Grafit auf Papier 70 x 100 cm, Copyright Thomas Autering

 


Linientreu. Text Gerard van Smirren,  Soest

Die Zeichnungen von Thomas

Autering entstehen mit Graphit in Stiftform. Graphit, ist einer von drei natürlichen Modifikationen des reinen kohlenstoffs. Die beiden anderen sind Diamant und Fulleren. Graphit ist nicht entflammbar, ist geruchlos, nicht

explosiv, ist toxikologisch unschädlich, ist ein her-vorragendes Schmiermittel, es schmilzt bei 3600 °C, es belastet die Umwelt nicht, ist unlösbar in Wasser, hat eine silbergraue bis schwarze Farbe. Unter sehr hohen Druck und

Temperaturen von ca. 3000 °C wird aus Graphit künstlicher Diamant hergestellt. Es gibt in der Natur eine Menge an Kohlenstoffverbindungen, nicht zuletzt auch der Mensch, die aber im Gegensatz zu dem reinen Kohlenstoff empfindlicher sind für die Einwirkung der Zeit. So nicht Graphit. Es ist ein Material für die Ewigkeit und eignet sich außerdem hervorragend zum Zeichnen. Das Wort Graphit stammt vom griechischen Graphein, und das bedeutet einritzen oder einfach zeichnen. Die ältesten Bleistifte, aus dem Jahre 1665 wurden in der Grafschaft Cumberland in England hergestellt. Das Graphitlager Borrowdale förderte hochwertige Blöcke, die als zersägte Stäbchen in Holz gefasst wurden. Der Cumberland-Bleistift gehörte lange Zeit zu den besten der Welt. Die Möglichkeit mit diesem Zeichenmaterial kontinuierliche Linien zu ziehen, ohne wie z.B. bei Pinsel und Farbe immer neues Farbmaterial aufnehmen zu müssen, nutzt Autering um dynamisch, sehr gestisch betont zu arbeiten.

 

Ausgangspunkt einer Zeichnung ist immer ein Vorhandenes, ein Objekt oder Model. Nach den ersten von diesem vorgegeben Linien folgt eine gewisse Distanzierung, ein Loslösen vom Objekt. Die Zeichnung verselbständigt sich ohne das die Herkunft verloren geht. Nun folgt der Zeichner Autering dem Spiel der Linien. Das Verworrene, im Dickicht des lebendigen Schwarz, und die anfänglich weiße Papierfläche lassen eine neue Räumlichkeiten entstehen. Thomas Autering setzt die zeichnerische Wirkung von Licht und Schatten ein, aber nicht unter dem Diktat des klassischen Illusionismus, viel-mehr zur Hervorbringen von Räumlichkeiten, die einem Illusionismus entgegen zu wirken scheinen.

Große Bedeutung erlangen die Partien im Werk, die in der Aufeinanderschichtung des Graphits die dunkelsten

Flächen bilden, dadurch, dass diese die höchste Lebendigkeit zeigen. Vor Allem auch deswegen weil hier das Graphit, früher Glanzblei genannt, glitzert, spiegelt, ihren ursprünglich schwarzen Liniencharakter transformiert in eine

verdichtete Fläche. Die schwärzesten Partien werden nicht nur zum Kontrapunkt der unberührten weißen Papierflächen, sie bringen auch reliefartige Strukturen hervor, die die Zweidimensionalität der Zeichnung in Frage zu stellen scheint.

Es ist hier auch Sprache von einem von einem ganz eigenen Duktus. Anstatt, dass die Graphitlinien auf weißes Papier

treffen, finden sie hier einen glatten Graphituntergrund und zeigen einen ganz anderen Charakter.

 

Die Kombination dieser Plastizität und die eigene Art von Thomas Auterings Gebrauch des Illusionismus bringt eine Zeichnung zustande, die auf den ersten Blick zwischen zwei Welten pendelt und in einer unbekannten Zwischenwelt stehen geblieben ist. Der ursprüngliche Ausgangspunkt des Gegen-standes wurde verlassen, aber nicht aufgegeben, eine zweite Distanzierung von der Zeichenfläche, durch Verdichtung und Aufeinanderschichtung, bringt das Bild in einen halbdimensionalen Zustand.

 

Die gesamte Zeichnung spricht zwar deutlich von ihrer Herkunft aber blickt dem Betrachter rätselhaft voraus in einer Möglichkeitsgestalt, die erst in den Augen des Zuschauers ihre Form sucht und findet; sie sind Projektionsflächen für das Bedürfnis individueller Empfindung und dem unbewussten Drang des Betrachters alles zu identifizieren und werden so zum Dialog zwischen der Ahnung des Objekt-behafteten und der Vorahnung von noch Umsetzbarem. Thomas Autering läuft damit auf einem schmalen Grad zwischen Zeichnung und Entwurfsskizze. Er hält intuitiv eine ausgesprochene, ganz eigene Balance, bekundet deutlich seine Faszination für die Lebendigkeit des von ihm

genutzten Materials und fordert uns auf unsere Wahrnehmung auf Möglichkeitsformen einzustellen.

„Zwei Linien nebeneinander, sind im Blick des Betrachters ein Stock, ein Stiel, Eisenbahnschienen, zwei Antennen, oder ein Weg. Darüber entscheidet die Interpretation des Betrachters, aber es bleiben vorerst zwei Linien auf Papier“ sagt Autering.

 

Was möglich sein könnte wird in der Zeichnung gezeigt. Die Geschwindigkeit, die Linien vermitteln, mag ein

deutlicher Hinweis auch auf die Vergänglichkeit sein. Der mögliche Verfall eines Objektstatus, der in seinem Entwurfsmodus instabil ist. Ein Objekt auf dem Sprung in seinen Produktmodus und umgekehrt.

 

Objekt und Produkt sind in ihrem Endergebnis zwar gleich, ihr Anfang jedoch wird durch die unterschiedliche Bezeichnung anders gedeutet. Die Zeichnungen Thomas Auterings bringen diese beiden mit ihrem vergänglichen Charakter gleichwertig ins Bild. Haftet nicht die Kurzlebigkeit an Beiden? Und ist auch nicht dass, was wir lieber nicht als Produkt bezeichnen, nämlich Natur, nicht oft genug ein Produkt unserer Vorstellung? Die Flüchtigkeit des Wahrnehmungsmoments, die unweigerlich mit der dynamischen Zeichenweise verknüpft ist, scheint Thomas Autering entgegen wirken zu wollen. Wie ein Attraktor wirken die Schwarzpartien. Sie binden die Linien. Die schlaufenartigen Ränder zeigen die Unmöglichkeit der Linien der Masse der Verdichtung zu entkommen, sie kehren wieder in sich wie die Spuren der Elementarteilchen, die von unbekannten Kräften in einem Zentrum zusammengehalten werden.

 

Thomas Autering zeigt zwei der vielleicht wichtigsten Aspekte des Daseins: Raum und Zeit. Die Masse des Schwarz

erzeugt auf mehrfache Weise Räumlichkeit. Die Dynamik der Linienführung spricht über Zeit, und zwar über kleinste Zeiteinheiten. Schaut man schnell, das heißt hier immer: zeichnet man schnell, dann fängt man das Gesehene in seiner

zeitlichen Gestalt, in seinem Moment. Es geht um den Moment des Erkennens, um das Ereignis des Erkennens. Und das ereignet sich so schnell, das man durch die Arbeit von Thomas Autering aufgerufen wird ganz intensiv unsere Umwelt zu betrachten, ihre jetzige und ihre mögliche Form zu erfassen.

 

Zum Schluss ein Zitat von Robert Musil, der über Möglichkeitssinn spricht: „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er; nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Mög-lichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das was nicht ist.“

Grafit auf Papier 70 x 100 cm, Copyright Thomas Autering 


Reduktion, Modulation, Überlagerung, großzügige Gesten und spontane Entwicklung. Text Peter Neuhaus, Menden

Die Grafitzeichnungen von Thomas Autering sind skizzenhaft, deutlich und kraftvoll. Auf den weißen Papieren erkennen wir Motive, Linien, Flächen, Schwünge, Liniengespinste, Verdichtungen, Schraffuren, Zeichnung und Überzeichnung. Manchmal ist da auch etwas graue Fläche unter allem Erkenn-bar, eine Lavierung, etwas Hingeschummertes. Manchmal zeigt sich etwas, oft scheint in den Zeichnungen allerlei verborgen. Wir erkennen, ahnen und verstehen. Thomas Autering zeigt uns vor allem - ja, was zeigt er uns eigentlich? Südenglische Landschaften? Barocke Stillleben? Allerlei Sinnhaftes zum Werden und Vergehen? Nein, nichts von alledem - Thomas Autering zeigt uns in seinen Zeichnungen schlicht und einfach Körper. Zu "schlicht und einfach" wird noch einiges zu sagen sein, bleiben wir jetzt zunächst mal beim Körper. Was ist der Mensch, was ist das Tier - nur ein paar Striche auf Papier. So spricht der große weise FW Bernstein - und als wäre dieser kleine Vers Wirklichkeit, schafft Thomas Autering mit seinen Zeichnungen das immer wieder verblüffende Zeichnerei Mirakel: ein paar Linien, zunächst wenige, dann viele, führen uns zu etwas hin, umreißen, umkreisen - und wir erkennen schon im Überblick: Körper. Die Pflanze, der Mensch, das Tier, das Ding. Gesehen, erahnt, ausgedacht. Frei ist der Mensch, frei ist die Hand, die den Grafitstift führt.

 

Was simpel scheint, ist jedoch allerhand: Papier wird hier zum Raum, Grafit wird hier zum Körper. Linien weisen uns den Weg, leiten unser Auge. Die Verdichtungen, die das tiefste Schwarz in seinen Bildern schaffen, sind nicht etwa flach, sondern Sie sind Struktur, sind Netz und Gewebe. Und so bleibt auch in der tiefsten Scham, der dunkelsten Höhle dem lichtlosesten Eckchen auf seinen Bildern stets noch Organisches, bleibt Atem, Haut und Haar.

 

Wenn Thomas Autering zeichnend etwas abbildet, scheint er mit dem öligen, weichen Grafitstift auf einer Art Suche zu sein. Auf der Suche nach Form und Begrenzung, Körper und Textur. Hier treffen sich Linien zu Flächen. Sie verdichten sich, überlagern sich und bilden Schichten, die wiederum im tiefsten Schwarz fast schon wieder körperlich sind, hier wird das Material zum Körper, es zeigt Spuren der Bearbeitung, Riefen und Spuren im Grafit.

 

Vom Suchen zum Finden führt der Weg den Designer Thomas Autering. In seiner Arbeit wie auch in seiner Kunst. Hier, in seinen Zeichnungen jedoch darf Freiraum bleiben für das Suchen. Hier scheinen die Fragen wichtiger als die Antworten. Hier geht es nicht um Wirklichkeiten, nicht um Realisierbarkeit. Hier realisieren sich das Fragen und das Suchen selbst. Wir können dabei zusehen. Denn die Zeichnungen zeigen uns stets ihren Entwicklungsprozess, sind ihr eigenes Protokoll.

Grafit auf Papier 70 x 100 cm, Copyright Thomas Autering